Dienstag, 10. April 2007
religionsdesign


Gestern abend musste ich mir sagen lassen, dass ich nicht "im Dharma" bin.
Wollte schon sauer werden, aber sie redeten die ganze Zeit so ein Zeug. Eine Fußnote im Gespräch klärte mich später auf, dass es a.) stimmt und b.) völlig in Ordnung für mich ist, nicht im Dharma zu sein. Warum geht man auch mit drei lächelnden Buddhisten essen.

Es herrscht großer Bedarf an Religiösem. Einige Leute glauben an totgefolterte Handwerker, antike Moralkodexe, die nächsten an das eigene satanistische Übermenschentum, noch einer ist auf Learys bewusstseinsabstrahierenden Schaltkreisen hängengeblieben, andere suchen Zuflucht in buddhistischen Sekten oder favorisieren das Spaghettimonster, glauben an Verschwörungstheorien oder schlicht an Biertrinken -- oder beides...

Fast allen diesen Glaubensrichtungen ist eines gemeinsam: man muss was dafür tun: "Die Arbeitsunlust ist Symptom fehlenden Gnadenstandes", schrieb Max Weber in der Protestantischen Ethik. Ähnlich Vertracktes liest man in in der satanischen Bibel und im Regular des buddhistischen Workshops. Ein gewisser Leistungsgedanke liegt also jeder Sinnsuche zugrunde. Erfolgreiche Religionen haben es außerdem an sich, dass sie einem Gelegenheit bieten, viel Geld für den Glauben auszugeben. (Das gilt natürlich auch für Biertrinken.)
Gemeinsam ist allen Religionen auch die Überheblichkeit gegenüber Heiden und Agnostikern. Der jeweilige Glaube findet seine Originalität, Bestätigung und sein Fundament u.a. darin, dass andere Leute nicht dafür geboren, zu unspirituell, zu unterentwickelt, zu defätistisch nicht gläubig genug sind. Glauben ist genauso wie teure Kleidung eine möglichst exklusive Angelegenheit. Gemeinschaften konstituieren sich ja stets auch im Ausschlussverfahren. Der ontologische Gottesbeweis war nun seit jeher nicht unbedingt der logischste. Und wäre ein gewisser Glaubensbedarf nicht gesellschaftlich gewünschter Standard, so würden hierzu sicherlich Tausende psychologischer Diplomarbeiten und klinische Studien angefertigt.

Ich bin nicht im Dharma, interessiere mich aber für Religionsdesign.
Ein brauchbarer Glauben sollte ausreichend Wohlfühlfaktor, Sinnmomente, Emphatie und Perspektive bieten, dabei kostengünstig und plausibel sein, möglichst wenig kognitive Widersprüche aufwerfen, anderen Leuten nicht auf die Nerven gehen und keinen körperlichen, sozialen und gar politischen Schaden anrichten.

Wen es nun dringend nach maßgeschneiderten Verschwörungstheorien verlangt, dem empfiehlt der Generator den "Make Your Own Conspiracy Theory"-Generator:
"Confused about how the world works? Why not make sense of it...! Have fun, and remember...They are Watching You!"

Für personalisierte Religionsanfragen habe ich so etwas leider noch nicht gefunden. Bleibt also Knierutschen vor anderleuts Konfektionsdogmen. Ich selbst hoffe allerdings, dass Physiker und Neurobiologen mit zunehmender Menschenschläue eines Tages bessere Antworten parat haben, als die Mönche des Mittelalters oder bekiffte Fernsehprediger. Von zuviel Selbstgewissheit krieg ich sonst Durchfall und Aggressionen.
Auf Vulkan heißt es: Lebe lang und in Frieden! Wie auch immer.
.

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Sehr schöner Beitrag,
der in mir fast ein wenig Bedauern auslöst, ihn nicht selber verfasst zu haben. Was Sie "Design" nennen, würde bei mir "Morphologie" heißen, aber sonst würde ich Ihr Lastenheft auch genau so umschreiben. Ich hatte übrigens mal das Unterfangen gestartet, möglichst viel Wissen über alle möglichen Religionen anzuhäufen, um vielleicht aus der Analyse von Schnittmengen und Analogien sowas wie eine zugrundeliegende Meta-Religion im Ansatz herauszudestillieren, aber letztlich brachte mich das alles auch nicht weiter als bis zu der Erkenntnis, dass sich Anthropo- und Theosophen und allerlei andere Wirrköpfe einreden, genau das schon geliefert zu haben. Weswegen auch weiterhin kein Ende der babylonischen Religionsverwirrung absehbar ist.

Wußten Sie übrigens, dass sich diese Spocksche Handhaltung/Fingerstellung vereinzelt auf jüdischen Grabmälern dargestellt findet? Es ist wohl das genealogische Erkennungsmerkmal einer bestimmten Untergruppe der Angehörigen des Stammes Levi, wie mir ein Rabbi auf dem Wormser Judenfriedhof erklärt hat.

In diesem Sinne: ewige Blumenkraft! ;-)

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Dem schließe ich mich doch glatt an. Und liebe Grüße auch - wir sollten mal wieder einen Göttinnen- äh Bierdienst zusammen abhalten.

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